25.12.2020 1. Weihnachtstag

25.12.2020 1. Weihnachtstag



Predigt: Jesaja 52:7-10

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden's mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.


Liebe Mitchristinnen und Mitchristen!

Heute feiern wir Weihnachten! Aber wie können wir feiern, wenn die Grundlagen für ein Fest nicht vorhanden sind? Wie können wir uns freuen, wenn so vieles, was wir schätzen, nicht sein darf? Wie ist Freude möglich, wenn doch alles ganz anders aussieht?

Das ist nicht erst in unseren Tagen eine Frage. Da braucht es nicht erst eine Pandemie. Da müssen wir uns nicht erst mit Einschränkungen auseinandersetzen. Das ist eine Frage, die sich zu allen Zeiten stellt. Wie können wir Weihnachten feiern, wenn für uns gerade ganz persönlich eine Welt zusammengebrochen ist? Diese Frage stellt sich, wenn ein lieber Mensch vor kurzem aus diesem Leben geschieden ist, wenn einen eine schwere Krankheit getroffen hat, wenn jemand seine Arbeit verloren hat, wenn man Misserfolg erlebt hat. Kurz gesagt: Immer, wenn die Lebenslage nicht optimal ist, dann scheinen die fröhlichen Klänge von Weihnachten nicht zu passen.

Heute hören wir Worte aus dem Propheten Jesaja, Worte, die auch nicht so ganz zu passen scheinen. Zwar ist darin von Freude zu hören, doch stammen sie aus einer ganz anderen Zeit. Weit vor der Geburt von Jesus haben sie ihren Platz. Und in dieser Zeit war den Menschen auch nicht gerade nach Jubeln zumute. Große Teile des Volkes war nach Babylon deportiert, musste dort Frondienste leisten. Und diejenigen, die zuhause bleiben konnten, mussten mit der Schmach der Niederlage gegen die Babylonier leben. Jerusalem war zerstört. Der Tempel lag in Schutt und Asche. Und das war geradezu eine theologische Aussage: Der Gott Israels ist tot! Die Götter der Babylonier waren stärker. Was soll man auf so einen Gott noch trauen, der unter den Trümmern seines Tempels begraben liegt. Das ist wahrlich keine Weihnachtsstimmung.

Aber schauen wir doch auf das eigentliche Ereignis von Weihnachten. Blicken wir nach Bethlehem. Wenn  wir nur auf das Äußerliche achten, dann gibt es da auch kleinen Anlass zur Freude. Die Römer herrschen im Lande. Sie kommandieren die Bevölkerung herum. Die Herbergen der Stadt sind voll. Es gibt keinen Platz für eine arme, schwangere Frau und ihren Begleiter. Gerade einmal ein Viehstall außerhalb der Stadt bietet sich noch als Kreißsaal an. Und das ist wirklich nicht zu vergleichen mit den medizinisch hochwertigen Geburtsstationen unserer Tage. Das ist kein Zuckerschlecken. Und auch wenn sich eine Mutter über ihr Kind freuen mag, so sind diese Umstände keineswegs ein Grund zur Freude.

Was machen wir also mit dieser Botschaft zu Weihnachten? Was hat sie mit uns zu tun?
Ich denke, dass eines deutlich wird: Durch alle Zeiten brauchen wir Menschen Ermutigung, Stärkung und Trost auf unserem Lebensweg. Wir alle stehen immer wieder vor Herausforderungen unseres Lebens. Wir alle müssen uns immer wieder mit Situationen auseinandersetzen, die keineswegs rosig sind. Und deshalb ist diese Botschaft aus dem Propheten Jesaja auch heute eine wichtige Nachricht für uns.

„Wie lieblich sind die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“ Vor unserem inneren Auge haben wir hier einen Menschen im vollen Lauf, der nur ein Ziel hat: Die wichtige Nachricht muss überbracht werden. Das ist etwas, was wir in unserer Zeit nur noch bedingt kennen, da alle mit Ihren Smartphones die Nachrichten in Sekundenschnelle weiterleiten. Und selbst der mittlerweile etwas antik wirkende Postweg per Briefboten ist noch etwas anderes als die damalige Nachrichtenübermittlung. Und dennoch können wir uns lebhaft vorstellen, wie eine Botschaft an die Menschen gebracht werden muss. Information ist alles, damals wie heute.
Blicken wir in die Nachrichtensendungen im Fernsehen, so sind es oft Nachrichten mit  wenig erfreulichen Inhalten. Wir sind oft schon so abgestumpft, dass wir uns gar nicht mehr groß beeindrucken lassen. Es ist eine verblüffende Erkenntnis, dass so viele Nachrichten traurige, negative Inhalte besitzen. Da werden wir schon einmal stutzig, wenn es etwas Gutes, Positives zu berichten gibt.

Bei Jesaja wird uns berichtet, dass ein Bote unterwegs ist nach Jerusalem zu den Zurückgebliebenen, mitten in den Trümmern der Stadt. Und dieser Bote, der über die Anhöhen des Landes eilt, der bringt eine Freudennachricht, die so gar nicht zur Stimmung zu passen scheint. Sie widerspricht sogar den Trümmern: „Dein Gott ist König!“ Das bedeutet: Es ist nicht wahr, was man sich erzählt. Nicht die babylonischen Götter sind die Sieger. Nein! Es ist der Gott, der so schwach, hilflos und gebrechlich erscheint, der alles andere als mächtig und stark wirkt.

Die Botschaft des Freudenboten passt zur Botschaft des Engels auf den Feldern bei den Hirten: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Auch hier kommt die Freudenbotschaft zu den Menschen, die resigniert und arm sind, deren Leben bedrückt scheint.

Ja, das ist sind Worte des Trostes, die wir bei Jesaja und in der Weihnachtsbotschaft hören. Aber tragen sie auch? Sie müssen doch einen Grund haben.
„Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden's mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.“ Mit eindrücklichen Bildern führt uns der Prophet die Szene vor Augen. Die Wächter der Stadt erkennen den kommenden Boten. Und sie sehen, dass es kein Feind ist, keiner, der neues Unheil bringt. Nein! Hier kommt eine wahrhaftige Freudenbotschaft! Gott kehrt zurück! Er nimmt seine Stadt wieder in Besitz. Deshalb lasst ihn herein, lasst ihn einziehen zu Euren Toren! Ja, und dieser Gott, der König ist, der herrscht, der braucht nicht Glanz und Gloria. Er kommt zu den Trümmern. Er kommt zu den Menschen, die am Boden sind, die bedrückt sind, die nicht mehr ein noch aus wissen, die keine Zukunft mehr haben. Gerade hierhin kommt Gott. Das ist kein hochnäsiger Gott, der nur herrschen will und die Menschen ignoriert. Das ist ein Gott, der bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen, der zu den Trümmern kommt und mit anpacken will. Es ist der Gott mit uns. Und da klingt auch die weihnachtliche Botschaft an: Der Engel sagt zu den Hirten: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Zu Euch ist der gekommen, der alles heil machen wird, der Euer Leben wieder aufrichten wird, der Euch Hoffnung, Trost und Zuversicht geben wird. Und das war auch für die Hirten damals eine Botschaft, die sie hat aufhorchen lassen, die sie in Bewegung gesetzt hat. Diese Botschaft des Engels, des Freudenboten hat diese in vielem schon so abgestumpften Hirten aufgerüttelt und neugierig gemacht.

Und wir heute an Weihnachten, wie geht es uns mit dieser Botschaft? Der lebendige Gott kommt zu uns. Er will in unser Leben treten, um uns in unserem Leben mit all dem, was uns belastet, zu begegnen. Er kommt gerade in unsere Welt mit all ihren Schwächen und Problemen, mit all unserem Scheitern und unserem Schmerz. Der Ort von Weihnachten ist eben nicht dort, wo alles glänzt und glitzert, dort wo alles heil und perfekt aussieht. Wo gibt es das schon? Machen wir uns doch da nichts vor! Nein, Gott hat ein Herz für uns! Er kommt zu uns, in unsere Armut und Schwachheit. Ja, er macht sich selbst ganz klein. In einem Viehstall kommt er zur Welt, draußen, abseits des noblen Lebens, eben dort, wo man sich nichts vormachen kann. Da ist Gott! Schau hin!

Ja, die Hirten haben es gemacht. Sie haben auf die Worte des Engels gehört. Sie sind gekommen und wollten schauen. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott kommt zu uns, in unsere unperfekte Welt, in unser Leben mit all unseren Sorgen und Nöten. Gerade hier möchte er es Weihnachten werden lassen, dass sich etwas bei uns verändern kann.

Doch da kommen Fragen. Ja, das klingt ja wunderschön! Aber wie ist das denn? Verändert sich denn wirklich etwas? Ist das denn wahr, dass Gott zu uns kommt? Und hilft er uns denn überhaupt? Macht er unser Leben heil? Wir sehen doch so viel Leid und Not in dieser Welt. Und auch unser Leben wird vielleicht an der einen oder anderen Stelle nicht besser.

Da hören wir bei Jesaja: „Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“ Das klingt wie beim Krafttraining. Da sehen wir die Muskeln. Und hier erkennen wir den starken Arm Gottes. Doch die Botschaft ist wiederum auch anders. Als diese Prophetenworte vernommen wurden, ahnte noch niemand, was geschehen würde. Dass die Verbannten wieder zurückkehren würden, war noch gar nicht in Sicht. Und dennoch bewahrheitete es sich. Das Volk sammelte sich wieder in der eigenen Stadt, in Jerusalem. Die Babylonier waren besiegt worden von den Persern. Gottes Arm hatte ein anderes Volk dazu benutzt, dass Befreiung möglich wurde. Und nun stand etwas im Raum, das beeindruckt hatte. Ein Volk, das sich selbst von den Babyloniern nicht hat unterkriegen lassen, das ein Exil überstanden hat, das muss einen ganz besonderen Gott haben. Ein Gott, der durch Höhen und Tiefen mitgeht, das ist ein lebendiger Gott, ein Gott, der sein Volk nicht im Stich lässt. Und selbst, wenn die Menschen auf Abwege geraten sind und Gott den Rücken zugekehrt haben, so ist er doch da. Denn er ist der einzige und wahre Gott. Das ist die große Botschaft für das Volk damals.

Die Hirten schauten in den Stall von Bethlehem und sahen ein Neugeborenes. Und dieses Kind lag da, ärmlich und hilflos und angewiesen auf die Zuwendung seiner Eltern. Die Hirten erkannten, dass ihnen in diesem kleinen Kind Gott selbst entgegenkommt. Nicht protzig und prächtig kommt er. Er begegnet uns vielmehr im Kleinen und Unscheinbaren. Wer sich aber wie die Hirten aufmacht und kommt und sieht, der wird staunen. Gott lässt uns nicht allein in dieser Welt. Er ist mit uns. Das erkennen wir, wenn wir uns auf ihn einlassen, wenn wir nicht aus der Zuschauerperspektive über Weihnachten diskutieren und uns von den Äußerlichkeiten des Festes beeindrucken lassen, sondern wenn wir uns mitnehmen lassen und ihm in die Augen schauen und seine Zuwendung und Liebe erkennen.

Die Hirten gingen zurück vom Stall. Sie waren verwandelt. Sie lobten Gott. Und jeder, dem sie begegneten, konnte von dieser Freude angesteckt werden. Bei Jesaja hören wir, dass alle Völker das Heil Gottes schauen werden. Die Botschaft von Christus hat ganz im Kleinen begonnen. Und heute ist sie rund um den Globus verbreitet. Alle Welt kann es hören: Das ist der lebendige Gott, der ein kommender, ein zu uns kommender ist, der in unser Leben treten möchte und unser Leben verändern möchte.

So können wir selbst zu Freudenboten werden! Wie die Hirten können wir mit der weihnachtlichen Botschaft in unseren Alltag gehen und bezeugen: Gott ist König! Er ist der Herr der Welt. Er ist zu uns gekommen, um uns Zukunft zu schenken. Und wir dürfen Boten seiner Botschaft und Freude sein, damit es Frieden werde, weil Gott uns angesteckt hat mit der Botschaft der Freude, des Lebens, der Heilung und der Geborgenheit.

Werden wir zu Freudenboten durch unser Leben, das vom Blick in den Stall berührt und verändert ist – und das jeden Tag neu.

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg