Predigt zum Nachlesen

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An der Orgel Carolin Tost spielt:
Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) Sonate Nr. IV Op. 65


12.07.2020 5. Sonntag nach Trinitatis

Lukas 5:1-11

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

 

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen!

Da ist jemand schwer frustriert. Ein Fischer hat mit seinen Leuten die ganze Nacht gearbeitet. Sie haben vollen Einsatz gegeben. Und doch war alles umsonst. Die Netze sind leer geblieben. Kein einziger Fisch hat sich in ihnen verfangen. Die ganze Arbeit war umsonst. Und nun haben sie auch nichts zum Leben. Der Lohn für die Arbeit ist ausgeblieben. Stattdessen müssen sie auch noch die Netze reinigen. Das schmerzt! Das sitzt tief in der Seele wie ein stechender Schmerz. Da fehlt es an jeglicher Kraft. Der Frust nimmt jede Freude am Leben. Da gibt es keine Motivation für irgendetwas mehr. Die Fischer wollten einfach nicht mehr. Sie waren aus ihren Booten ausgestiegen. Ja, sie waren Aussteiger, Aussteiger aus ihrem gewohnten Leben. Doch der Frust plagte sie. Es war ein Ausstieg ohne Perspektive.

Das ist eine Erfahrung, die nicht nur die Fischer damals am See Genezareth machen mussten. Das ist eine Erfahrung, die wir jeden Tag neu in unserem Leben machen können. Unvermittelt misslingt etwas im Leben. Da haben wir uns angestrengt, viel investiert und das Beste vor Augen gehabt. Und dann stehen wir doch mit leeren Händen da. Die Enttäuschung ist groß. Das lähmt. Und manchmal zieht so etwas ganz schön runter. Eine große Last liegt auf unserem Leben.

Trübsal blasen ist dann angesagt. Der Blick geht nicht über den eigenen Tellerrand hinaus. Was soll’s? Was bringt’s noch? Da bringt einen scheinbar nichts mehr in Schwung.

Damals am See Genezareth kamen viele Menschen zum Ufer. Vermutlich war es den Fischern gar nicht so recht. Was wollen die jetzt auch noch hier? Wollen die sich gescheiterte Fischer anschauen? Wollen sie sich an der Niederlage anderer ergötzen? So wie manche Gaffer heute, wenn sie an einem Unfall vorbeikommen?

Aber nein, da ist noch jemand – ein Mann, zu dem sie alle wollen. Und dieser Mann ist auch den Fischern nicht ganz unbekannt. Der Fischer Simon hatte ihn schon kennengelernt. Dieser Mann war sogar schon in seinem Haus. Er hat seine Schwiegermutter, die krank danieder lag, geheilt. Und er hatte gesehen: Wenn Jesus im Haus ist, dann kann sich das Leben verändert. Wenn Jesus das Haus deines Lebens betritt, dann wendet sich das Blatt.

Viele Menschen waren an den See gekommen. Viele Menschen, die ganz offensichtlich mancherlei Sehnsüchte in sich trugen. Auch sie hatten in ihrem Leben mancherlei Rückschläge erleben müssen. Das gehört zum Leben in dieser Welt. Auch sie hat sicher manches bedrückt. Doch sie hatten die Sehnsucht, davon frei zu kommen. Und auch sie hatten schon von Jesus gehört. Und sie hatten die Hoffnung, dass er ihnen neue Perspektiven und Motivation für ihr Leben geben kann. Von Jesus erwarteten sie Veränderung.

Und wir, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, sind heute Morgen auch gekommen. Und wir sind gekommen mit unseren Erfahrungen unseres Lebens, unseren Erfahrungen der vergangenen Woche. Und da mag auch so manches dabei sein, was uns belastet hat und immer noch belastet. Auch wir tragen diese Sehnsüchte in uns nach neuer Orientierung, nach neuer Lebendigkeit. Und das haben die Menschen damals am Ufer des See mit uns gemeinsam: Wir kommen, um zu hören. Wir kommen zum Wasser, zur Quelle des Lebens, zu Jesus, weil er die Botschaft des Lebens für uns hat. Die Menschen damals wie wir heute erleben einen Gottesdienst. Und dieser Gottesdienst ist geprägt von dem Hören.

Jesus wendet sich Simon zu. Gemeinsam steigen sie in eines der Boote. Simon hört auf Jesus. Ja, er hat Jesus in seinem Boot, in seinem Boot des Lebens. Er ist ihm ganz nah. Und er spürt wohl: Heute geschieht für mich etwas ganz Besonderes. Wenn Jesus im Boot meines Lebens ist, dann kann sich etwas verändern. Das gilt auch für uns. Wenn wir auf ihn hören und ihn in unser Leben hineinlassen, dann können wir ein Wunder erfahren, dann kann sich etwas in meinem Leben wenden.

Ein Stück vom Ufer entfernt beginnt Jesus zu reden, zu predigen. Das Boot wird zur Kanzel. Hier am See werden wir Zeugen eines Gottesdienstes. Und die Worte Jesu bewegen die Herzen der Menschen. Und sie bewirken eine andere Sicht der Dinge. Sie geben eine neue Perspektive.

Manchmal ist es so, dass Jesus sich einen Menschen ganz speziell zur Seite nimmt. Manchmal verändert sich etwas ganz grundlegend im Leben eines Menschen im Gottesdienst. Das sehen wir heute an Simon Petrus. Doch er steht stellvertretend für alle Menschen, für uns alle, zu denen Jesus ins Boot, ins Leben treten möchte.

Und so nimmt Jesus im Gottesdienst die Menschen damals wie auch uns heute bei der Hand und führt uns einen Weg, einen Weg vom Hören zum Leben. Und was dabei geschieht, dass wird für alle sichtbar an Simon Petrus.

Jesus fordert Simon auf: Lass uns hinausfahren. Wirf noch einmal deine Netze aus. Das ist eine verrückte Aufforderung. Das steht gegen jede Erfahrung. Und Simon könnte sich nun voll und ganz verweigern. Wer ist hier der Fischer? Du oder ich? Wer versteht hier etwas vom Handwerk? Für uns Profis ist klar: Fische fangen wir nur in der Nacht. Jetzt ist es zu spät. Das macht keinen Sinn. Da fahr ich nicht noch einmal hinaus.

Würde Simon so reagieren, was würde dann passieren? Dann würde nichts passieren. Dann würde er in seinem Frust bleiben, Dann würde er nur noch weiter verbittern. Dann gäbe es keine Perspektive mehr für ihn.

Es ist letztlich das Prinzip, das wir auch kennen: Es war immer schon so. Und da darf sich nichts ändern. Alles andere ist Unfug. So erleben wir es auch bei mancherlei Besprechungen und Planungen. Das, was wir kennen, da bleiben wir, selbst wenn es nicht mehr lebendig ist, selbst wenn es nicht mehr funktioniert. Dahinter steht die Furcht, sich auf Neues einzulassen, neue Wege zu beschreiten, eine neue Perspektive einzunehmen. Jesus macht mit seiner Aufforderung, noch einmal hinauszufahren, nichts anderes als Simon aufzufordern, auf ihn zu trauen und eine neue Sicht einzunehmen. Und mit einem Mal ist die Situation ganz anders. Mit einem Mal sind die Netze voll.

Wie kann das sein? Was steckt da dahinter? Vielleicht ist es die Frage unserer inneren Haltung. Wenn ich nur immer auf das blicke, was ich nicht habe, wo ich gescheitert bin, was mich bedrückt, dann werden meine Mauern, die ich um mich ziehe, immer größer und höher. Dann verliere ich den Blick für die Zukunft. Wenn ich aber trotz meiner Grenzen, meines Misserfolges, meines Scheiterns bereit zu danken für das, was ich habe, bereit bin zu hören auf die Worte des Evangeliums, bereit bin mich auf neue Wege mit Gott einzulassen, dann kommt Licht in mein Leben, dann sieht es plötzlich ganz anders aus, vielleicht nicht so, wie ich es erwartet habe, aber doch ermutigend.

Jesus hatte zu Simon gesagt: Fahr noch einmal hinaus! Ja, auch uns sagt er diese Worte. Denn es ist die Aufforderung: Bleib nicht stehen, wo du bist! Bleib nicht in deinem Frust! Schau das Leben mit anderen Augen an, so wirst du die Fülle entdecken!

Simon entdeckt die Fülle und erschrickt. Er erkennt, dass er nicht auf Gott getraut hat. Er wollte alles selber machen und ist an seinen eigenen Grenzen gescheitert. Er hat nicht darauf getraut, dass Gott uns versorgt. Und so erschrickt Simon über sich selbst. Er geht auf die Knie. Er meint, er sei nicht würdig, zu Jesus zu kommen, weil er nicht genug Vertrauen geschenkt hat. Auch das ist uns nicht fremd. Manchmal meinen wir, dass wir nicht in der richtigen Verfassung sind, um zu Jesus zu kommen, um in den Gottesdienst zu kommen. Aber genau deshalb haben wir immer wieder am Anfang des Gottesdienstes das sogenannte Confiteor, das Bekenntnis, wie es um uns steht. Ja, wir dürfen kommen mit all unserem Frust, unseren Sorgen und Nöten unseren Fehlern und Schwächen. Jesus möchte uns Veränderung schenken. Wir sind es ihm wert.

Simon erfährt einen Zuspruch: „Fürchte dich nicht!“ Das entspricht dem Zuspruch des Segens am Ende des Gottesdienstes. Es ist die Zusage: „Du gehst nicht allein! Ich, der lebendige Gott bin mit dir.“

Aber das macht auch deutlich: Wir können nicht stehen bleiben. Das, was wir gehört haben, was wir erfahren haben im Gottesdienst, das will auch gelebt werden im Alltag, auf dem Weg durch die Zeit.

Simon erhält einen Auftrag. Er wird gesandt. Und auch wir werden am Ende eines jeden Gottesdienstes in dieses Welt gesandt. Es ist ein merkwürdiger, geradezu befremdlicher Auftrag, den Simon erhält: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Aber lassen wir uns nicht davon irritieren. Der Auftrag bedeutet nichts anderes als: Das, was du hier im Gottesdienst erfahren hast, die Zuwendung Jesu, die dir eine neue Sicht der Dinge gibt, die dich ermutigt und aufrichtet, diese neue Sicht darfst Du weitergeben.

Gottesdienst bedeutet Begegnung mit Gott, Begegnung mit Jesus am Ufer des Sees. Und wenn Jesus in mein Boot des Lebens tritt, wenn er im Haus meines Lebens gegenwärtig ist, dann ändert sich  meine Sicht der Dinge, dann erfahre ich neue Zuversicht. Es kommt uns fast zu rasch vor: Simon lässt alles stehen und liegen und folgt Jesus nach. Es bedeutet nichts anderes als: Lass das zurück, was dich gequält hat, schlage eine neue Richtung ein. Lass dich vom Evangelium führen, so wirst du guten Mutes in die neue Woche gehen können und Hoffnung und Zuversicht haben können. Geh auf den neuen Wegen, die Jesus dir zeigt.

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg