Predigt zum Nachlesen

20.09.2020 15. Sonntag nach Trinitatis

1. Mose 2:4b-9,15-25

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16 Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. 18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. 19 Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach. 21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

es gibt alt bekannte Erzählungen aus der Bibel, die uns seit Kindheit vertraut sind. Doch manches, was wir als Kind gehört und so angenommen haben, ruft in uns heute Widerspruch hervor. „Das klingt doch wirklich sehr naiv, was wir da hören!“, so sagen es manche. „Das ist doch ein veraltetes Weltbild!“, sagen die anderen. „Damit kann ich gar nichts mehr anfangen“, fügen wieder andere hinzu.

Ja, das sind sehr alte Worte, die wir heute hören. Und sie sind in eine andere Zeit hineingesprochen. Und da ist es erst einmal gut und wichtig, zu erkunden, was uns grundlegend gesagt wird. Vielleicht entdecken wir dann doch so manches, was auch für uns heute von Bedeutung ist.

Hinzu kommt das Thema des Sonntages, das uns den alten Text noch einmal unter einem besonderen Blickwinkel sehen lässt. Da geht es um das Sorgen. Wir Menschen bereiten uns allzu oft Sorgen. Wir sorgen uns um das tägliche Leben, um Termine, die wichtig sind, um Aufgaben, die mitunter unter Zeitdruck zu bewältigen sind, und vieles mehr. Und manch ein Mensch sagt bei aller Hektik des Alltages: „Das ist kein richtiges Leben mehr! Ich brauch eine Auszeit!“ Auszeiten sind geschenkte Zeiten, Zeiten, die wir gestalten können, ganz nach unseren Vorstellungen. So sollte es eigentlich sein. Und manchmal werden auch solche Auszeiten verschenkt: ein Wellness-Wochenende, ein Wanderausflug, der Besuch einer Ausstellung oder anderes mehr.

Und oft sagen wir bei diesen besonderen Zeiten: So ist Leben! So soll es sein! Als ob Leben nur ganz bestimmte Akzente umfassen würde. Aber eines wird uns heute klar: Es geht um unser gesamtes Leben.

Das ist der erste Akzent unseres Abschnittes: Gott schenkt Leben. Und somit steht ganz oben die Erkenntnis: Unser Leben ist kein Produkt des Zufalls, keine willkürliche Sache. Wenn Gott den Menschen geschaffen hat, dann bedeutet das: Gott schenkt uns das Leben. Es ist ein Ereignis, hinter dem ein Gedanke steht, ein Plan, eine Geschichte voll Liebe und Zuwendung. Natürlich können wir sagen: Das Leben eines Menschen entsteht nach einem ganz speziellen biologischen Geschehen. Aber dass jeder und jede Einzelne von uns ein Individuum ist, ein Mensch, der einmalig ist, weil niemand anderes so ist wie ich, macht deutlich: Es geht um mehr als um einen reinen biologischen Vorgang.

Jedes Mal, wenn ein Kind das Licht dieser Welt erblickt, dann ist das ein Augenblick der Freude. Da ist ein neuer Mensch, ein Wesen, das soweit geformt und gebildet ist, dass wir sagen: Das ist ein Mensch. Da ist alles dran. Und unmittelbar nach der Geburt gibt man dem Kind einen Klapps auf den Rücken, damit das Atmen richtig gut in Gang gesetzt wird.

Die alten Worte der Bibel sprechen von Adam. Das ist nicht ein bestimmter Mensch. Das ist der Mensch schlechthin. Das hebräische Wort Adam steht für Mensch. Es steht für den, der aus Erde zusammengesetzt und gebildet ist. Da mag für uns eine eigentümliche Vorstellung sein: Der Mensch als ein Haufen Erde. Und doch sagen wir beim Erdwurf am Grab: „Erde zu Erde.“ Der Mensch werde wieder das, wovon er genommen ist. Das Material des Menschen ist aber noch nicht alles, was den Menschen ausmacht. Dieses schöne Bild, dass Gott den Menschen anbläst, ihm seinen Atem, seinen Odem gibt, ist Ausdruck des individuellen und geschenkten Lebens. Das Leben ist ein Geschenk. Wir haben es empfangen. Es ist uns eingehaucht. Und so werden wir zu lebendigen Lebewesen, zu einmaligen und mit Leben beschenkten Persönlichkeiten.

Denn das ist das zweite, das wir hier entdecken. Gott setzt den Mensch nicht einfach nur in die Welt. Er überlässt ihn nicht seinem Schicksal. Vielmehr schenkt Gott uns Menschen noch etwas ganz Wesentliches dazu. Gott schenkt Lebensraum.

Das Bild malt uns aus, dass der Mensch in einen wunderschönen Garten gestellt ist. Und da können wir nun anfangen zu träumen. Mit einem Garten verbinden sich so viele erfreuliche Eindrücke. Da blühen die Blumen und bringen uns mit ihrer Farbenpracht viel Freude ins Leben. Da stehen die Bäume. Und auch sie sind so vielfältig. Ihre Veränderungen im Laufe des Jahres lassen immer wieder stimmungsvolle Szenen vor unseren Augen entstehen. Mancher Sonnenauf- und –untergang fasziniert durch seine stimmungsvollen Farben. Der Kreislauf der Natur, der Wandel im Jahr, all das führt uns eine Vielfalt von eindrucksvollen, stimmungsvollen Szenen vor Augen. Die Welt, die uns als Lebensraum geschenkt ist, ist ein Kreativraum Gottes, der das Leben bereichert.

Und dieser Lebensraum ist zugleich das göttliche Programm, dass wir leben können. Der Garten bringt die Früchte hervor, die Grundlagen unserer Versorgung. Deshalb können und dürfen wir uns auch auf den Schöpfer verlassen, der uns diesen Lebensraum zur Verfügung stellt. Er versorgt uns. Deshalb schenkt er uns damit auch eine Gelassenheit, die uns vor unnötige Hektik bewahren möchte.

Dennoch kommen wir auch zu einem kritischen Punkt. Das ist das dritte, das wir heute betrachten. Gott weist den Menschen – und somit auch uns – auf die Gefahren hin. Er sagt ganz deutlich: Du kannst auch alles verspielen. Und dann wird es Konsequenzen geben, die nicht gut sein werden. Bildlich wird uns das an zwei Bäumen vor Augen geführt. Da stehen in dem wunderbaren Lebensraum Gottes diese beiden Bäume, vor denen Gott den Menschen warnt. Diese Bäume sind nicht von sich aus schlecht. Sie bieten vielmehr ganz Entscheidende Grundlagen. Und doch: Wenn der Mensch sich an ihnen vergreift, dann schadet er sich damit nur selbst.

Gott hat den Menschen als sein Ebenbild geschaffen. Der Mensch ist ein besonderer Gedanke Gottes. Er darf viele Aufgaben in dem Gott zur Verfügung gestellten Lebensraum übernehmen. Er darf für Gott diesen Lebensraum verwalten, das bedeutet gestalten und bewahren. Und dennoch muss sich der Mensch immer wieder vor Augen führen: Ich bin nicht Gott! Denn hier liegen die Versuchungen, mit denen sich die Warnungen Gottes verbinden. Der Baum der Erkenntnis zeigt uns auf: Es gibt eine Grenze. Wenn wir diese überschreiten, dann wird es problematisch. Denn dahinter liegt die Versuchung, dass der Mensch wie Gott sein möchte. Und wenn der Mensch Gott spielt, dann ist das zum Scheitern verurteilt. Weil wir Menschen niemals das Ganze in den Blick nehmen können, weil wir Menschen immer nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit sehen, werden wir kläglich scheitern, wenn wir wie Gott sein wollen. Wir sind und bleiben Geschöpfe Gottes – auch als sein Ebenbild! Von daher Mensch pass auf! Nicht dass Du Dich um Dein Leben bringst. Das macht uns der Baum des Lebens deutlich. Hier liegt die Gefahr, dass wir übers Ziel hinaus schießen, dass wir größenwahnsinnig werden, dass wir vergessen, dass von Gott das Leben kommt. Wenn wir uns dagegen erheben, wenn wir meinen, wir hätten als Menschen alles im Griff, dann werden wir nüchtern vor die Realitäten gestellt werden.

Der Klimawandel ist so ein Alarmsignal. Da, wo wir Menschen die Zeichen Gottes ignoriert haben, da, wo wir meinen, wir würden alles für uns und unser Leben ausbeuten können, da schlägt die Natur zurück. Wo wir das Gleichgewicht des Lebens aus den Fugen bringen, da treten Egoismus und Sorgen hervor. Jeder möchte sich selbst am nächsten sein und alles für sich beanspruchen. Der Rausch nach dem „immer mehr“ führt zum „immer weniger“, weil die göttliche Versorgung des Lebens ignoriert wird.

Aber – und das ist das vierte: Gott lässt uns mit den Gefahren für das Leben nicht allein. Er möchte uns einen Weg führen, der uns Geborgenheit und inneren Frieden schenken möchte. Er lässt uns Menschen nicht auf uns selbst gestellt, sondern er beschenkt und mit Gemeinschaft. Nicht der Egoismus soll das Leben regieren, sondern eine tragende Gemeinschaft. Als grundlegendes Beispiel ist uns hier die Beziehung zwischen Mann und Frau genannt. Die Familie als tragende Lebensgemeinschaft im Lebensraum Gottes. Das sind gute Grundlagen zum Leben. Gemeinsam sind wir stark, das Leben zu meistern.

Die erste Operation, die uns geschildert wird, dient dem Leben, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Der auf sich gestellte, einsame Mensch benötigt Gemeinschaft. Deshalb wird aus seiner Rippe eine Entsprechung geschaffen. Zusammen sollen, dürfen und wollen sie den Weg gehen. Sie können sich die Arbeit teilen und einander tragen. Mann und Frau bilden hier eine Einheit. Und doch sehen wir schon wenig später, dass diese Einheit auch in Gefahr steht. Gott warnt vor den Gefahren. Und so ist es eine wichtige Aufgabe, sich gegenseitig immer wieder vor den Gefahren des Lebens zu bewahren und gleichzeitig mutig das konstruktive, erhaltende Leben anzugehen. Gott will Leben. Gott will, dass wir Menschen in unserem Lebensraum, den er schenkt, gut leben können. Darauf dürfen wir trauen.

Deshalb ist es gut, wenn wir unseren Tagen uns getrieben fühlen von den Sorgen und Nöten dieser Zeit, wenn uns manche Nachrichten schrecken mögen, wenn wir nicht wissen, wie es weitergehen soll und uns davon aus der Ruhe bringen lassen, dass wir ganz bewusst uns dem lebendigen und Leben spendenden Gott anvertrauen. Er hat gezeigt und uns zugesagt: Ich versorge Dich. Ich gebe Dir Geborgenheit und Frieden. Ich schenk Dir den Lebensraum, den Du brauchst. Und ich hole Dich aus der Einsamkeit Deiner Sorgen heraus und stelle Dich in die Gemeinschaft mit anderen, in eine Gemeinschaft, die trägt.

So könnt Ihr miteinander den Rat befolgen: All Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch!

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg