Gottesdienst zum Nachlesen

05.04.2020 Palmarum/Palmsonntag

Predigttext: Markus 14:1-9

1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.  2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.  4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?  5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.  6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.  7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.  8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.  9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Liebe Freunde,

in diesem Jahr ist alles anders. In diesem Jahr fehlt uns manch Vertrautes im Vorfeld von Ostern.

Für mich persönlich fehlen ganz wunderbare Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren machen durfte. Über den Palmsonntag bin ich stets für vier Tage an den Bodensee gefahren, noch einmal abschalten vor den sehr intensiven Feiertagen. Und zu diesen Tagen der Auszeit gehörte für mich ein Gottesdienst in einer Kirche, die ich seit meiner Kindheit kenne, deren Atmosphäre mich seither fasziniert. Und in dieser etwas abseits, in einem kleinen Weiler befindlichen Kirche habe ich immer den Gottesdienst zum Palmsonntag gefeiert. Die Kinder sind dabei mit selbstgebundenen Palmbuschen eingezogen und haben die Geschichte vom Einzig Jesu nach Jerusalem nachgespielt. Das Evangelium hören und sehen, und das in einer für mich besonderen Kirche. Das war einfach schön.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Verreisen darf ich nicht. Und die Gottesdienste fallen aus.

Und trotzdem feiern wir auch in diesem Jahr Palmsonntag. Aber auch hier müssen wir feststellen: In diesem Jahr ist alles ganz anders. Etwas Vertrautes fehlt. Denn wir hören nicht den Bericht vom Einzug Jesu nach Jerusalem, sondern einen ganz anderen Bericht aus dem Markusevangelium. Das einzig Verbindende scheint die Ortsangabe zu sein. Das, was wir heute hören, geschieht in Betanien, einem kleinen Ort vor den Toren Jerusalems. Und auch der Einzug Jesu nach Jerusalem hat seinen Ausgangspunkt in den kleinen Orten Betphage und Betanien.

Und noch etwas verbindet die heutige Szene mit dem Geschehen des Einzuges und mit Palmsonntag. Wir stehen am Anfang des Kreuzweges Jesu. Palmsonntag kennzeichnet den Beginn der Karwoche, den Anfang der Trauerwoche. Und so treten wir an diesem Sonntag mit hinein in die Ereignisse der Karwoche.

Doch –so werden wir einwenden -, wo spüren wir in dieser Begebenheit etwas von dem Leiden und Sterben Jesu? Da sitzt Jesus mit seinen Freunden zusammen in einem Haus. Sie sind bei einem Menschen, den Jesus wohl geheilt hat. Wir können sagen, da ist die Welt doch wieder in Ordnung. Alle, und auch der Hausbewohner, können fröhlich sein und miteinander feiern, zumal das Passahfest ja unmittelbar bevorsteht. Und auch hier können wir sagen: Auf den ersten Blick ist es wie in jedem Jahr: Die Menschen bereiten sich auf das Passafest vor. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Etwas fehlt. Die einleitenden Worte machen es uns deutlich. Es fehlt die echte Freude. Stattdessen sind düstere Wolken aufgezogen. Der Himmel verfinstert sich, die Gemüter sind bitter und voller Hass. Mordpläne werden geschmiedet.

Doch davon fehlen im Haus, in dem Jesus mit seinen Freunden versammelt ist, jegliche Anzeichen. Oder etwa doch nicht? Die Wende kommt ganz unbemerkt. Da stürzt eine Frau herein. Und diese Frau tut etwas Ungewöhnliches. Sie hat ein Gefäß mit kostbarem Öl bei sich. Und dieses Öl gießt sie Jesus über das Haupt. Dieses Handeln löst nun Unverständnis aus. Die Jünger fangen an zu protestieren. „Das ist Verschwendung!“, rufen sie. „Das hätte man lieber verkaufen sollen und das Geld den Armen geben sollen!“ Und vermutlich stimmen auch wir ein. Die haben ja Recht. Verschwendung ist ungut. Die Armen benötigen dringend Hilfe. Doch Jesus nimmt die Frau in Schutz. Da haben die Freunde Jesu erst einmal geschluckt. Wie kann das sein? Und auch wir verstehen vielleicht die Welt nicht mehr. Lehrt uns Jesus nicht Nächstenliebe? Wäre der Gedanke der Jünger nicht doch besser gewesen?

Doch wie steht es da um uns Menschen, die wir so denken? Würden wir es denn so machen? Würden wir so bedingungslos das Geld den Armen geben? Nur wenig später sind es gerade die Jünger selber, die an dieser Stelle scheitern, allen voran Judas Iskariot, der das Geld lieber zum Verrat nutzt als für die Armen.

Jesus hat erkannt, worum es der Frau geht. Das Öl ist sehr wertvoll gewesen. Es bedeutete umgerechnet ein ganzes Jahreseinkommen. Man könnte es auch anders formulieren: Diese Frau hat alles, was sie hatte, Jesus gegeben. Sie hat Ihre ganze Liebe Jesus zukommen lassen. Und sie hat Jesus gesalbt. Salbung hatte in der damaligen Zeit eine doppelte Bedeutung. Jeder kannte die Geschichte von David. Er wurde einst von Samuel zum König gesalbt. Diese Frau machte klar, wer Jesus ist. Sie bestätigte das, was die Leute beim Einzug nach Jerusalem gerufen hatten: Der König kommt! – Der neue König, der uns frei macht! Die Kreuzesinschrift wird es dann bestätigen, Jesus ist der König. Und das andere, was deutlich wird: Einen, der gestorben ist, den balsamiert man noch einmal mit Öl ein. Diese Frau hat erkannt, welcher Weg Jesus bevorsteht. Es ist der Weg der Passion, der Hingabe, der Leiden und der Schmerzen, es ist der Kreuzweg, der Weg ans Kreuz.

Die Frau hatte erkannt, wer in diesem Augenblick der wirklich Arme ist. Und sie bringt ihm die ganze Zuwendung. Jesus sehnt sich nach der Hinwendung von uns Menschen. Er möchte, dass wir ihn nicht allein lassen auf seinem Weg. Er sehnt sich danach, dass wir mit ihm gehen. Deshalb: „Lasset uns mit Jesus ziehen“, wie wir es im Lied singen. Die Hingabe der Frau ist ein passendes Gegenstück zur Hingabe Jesu für uns.

„Arme habt ihr immer“, sagt Jesus. Ja, das ist wahr. Und wer ihn in seiner Armut, in seiner Not und in seinem Leiden sieht, der gewinnt auch den passenden Blick für die Armut anderer. Jesus steht uns vor Augen als der Arme, der Leidende und zugleich als derjenige, der offen war für die Armut der Menschen, der zugleich in seiner Hingabe am Kreuz gezeigt hat, dass er alles gegeben hat, sein Leben, für uns, für unsere Armut.

Hier, in dieser Begebenheit in Betanien wird das Doppelgebot der Liebe anschaulich. Ja, die Frau zeigt, dass sie den Mensch gewordenen Gott von ganzem Herzen liebt und zugleich von ihm ermutigt ist, dem Nächsten beizustehen. Wer Gott vertraut, wer Jesus seine Liebe schenkt, der wird auch befähigt, zu lieben, von Herzen, nicht aus Aktionismus.

An Palmsonntag denken wir an den Einzug Jesu nach Jerusalem. „Hosanna!“ haben die Menschen Jesus zugerufen. Das ist nicht in erster Linie, wie wir es so leicht denken, ein Freudenruf wie das „Halleluja“, sondern es entspricht eher dem „Kyrie eleison“, dem „Herr, erbarme dich!“ Es ist der Ruf, den wir auch in diesen Tagen immer wieder Jesus entgegenbringen. In Zeiten, in denen alles anders ist als sonst, brauchen wir Hoffnung und Trost. Setzen wir unser Vertrauen auf den lebendigen Herrn, geben wir unser Leben in die Hände dessen, der sich für uns hingegeben hat, so können wir gerade diese Ermutigung und Zuversicht empfangen, die uns in diesen Zeiten bestehen und zugleich die Liebe der Treue und Zuwendung weitergeben lässt.

Bleiben Sie behütet!
Amen

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg